Audioeinführung zu "Leben und Schicksal"

Shownotes

Ein epochaler Roman des 20. Jahrhunderts trifft auf Schostakowitschs 10. Symphonie.

„Ich habe erkannt, dass nicht der Mensch machtlos ist gegenüber dem Bösen, sondern das mächtige Böse ist machtlos gegenüber dem Menschen.“

  1. Während Europa in Flammen steht, treibt den Atomphysiker Strum seine bahnbrechende Erfindung in ein moralisches Dilemma: Wie weit darf Wissenschaft gehen, wenn aus ihr Zerstörung entspringt? Und was bleibt vom eigenen Gewissen, wenn Anerkennung und Überleben an Bedingungen geknüpft sind? Gleichzeitig halten in Stalingrad sowjetische Soldaten der Belagerung stand, indem sie von der Parteilinie abweichen, im deutschen KZ schreibt ein Häftling über die Güte, und Krymov muss feststellen, dass sich der Staat bisweilen auch gegen seine Systemtreuen wendet.

Gleich einem Kaleidoskop erzählt Leben und Schicksal – das als Krieg und Frieden des 20. Jahrhunderts gilt – ein ganzes Geflecht von Leben inmitten der Grauen des Krieges: an der Front, in den Lagern, in Wohnzimmern und Kellern. Der russisch-jüdische Schriftsteller Wassili Grossman spürt dem nach, was das Lebendige auszeichnet, und sucht nach Menschlichkeit. Von dieser Suche und den Spannungen zwischen Künstler und Staat zeugt auch Dmitri Schostakowitschs 10. Symphonie von 1953, die die Bochumer Symphoniker im Anschluss an die ersten vier Vorstellungen im Anneliese Brost Musikforum Ruhr spielen.

Leben und Schicksal / nach Wassili Grossman / in einer Bearbeitung von Koen Tachelet / Regie: Johan Simons / Mit: Kostiantyn Beizerov, Pierre Bokma, Jele Brückner, Konstantin Bühler, Anton Chaikin, Guy Clemens, Linde Dercon, Thomas Fritzler, Victor IJdens, Risto Kübar, Andrii Paliarush, Carla Richardsen, Mara Romei, Yevhen Vladimirov, Mykyta Volkov, Georgios Zerdalis, Elsie de Brauw / Premiere: 25.04.2026

Transkript anzeigen

00:00:15: Ich bin auch der Dramaturg, der Produktion bzw.

00:00:26: Fünfzig Prozent des Dramaturgie-Körpers.

00:00:27: die anderen fünfzig Prozent werden von Kuhntarelle übernommen, der auch die Bearbeitung des Buches gemacht hat.

00:00:34: Leben und Schicksal von Facili Großmann.

00:00:36: Und mit mir im Studio hier sitzen Guy Clemens und Morara Roma.

00:00:39: Hallo!

00:00:40: Hallo ihr Beinen!

00:00:43: Roman, Leben und Schicksal.

00:00:45: Das ist ein sehr wichtiges Buch.

00:00:47: es ist ein dickes Buch.

00:00:48: Es ist sein letzter Roman.

00:00:50: Zehn Jahre hat er dann geschrieben direkt nach dem Krieg angefangen Und ist in den sechziger Jahren das Manuskript eingereicht.

00:00:59: Dann ist etwas passiert was eigentlich noch nie vorher geschehen ist.

00:01:03: Nicht der Autor wurde verhaftet sondern das Buch.

00:01:06: Also sofort klar dieses Buch kann nicht veröffentlicht werden.

00:01:11: viel zuviel Wahrheit von der Sowjetunion.

00:01:15: Und tatsächlich hat man also nicht nur alle Manuskripte weggesperrt, man hat sogar die Rollen aus den Schreibmaschinen genommen und hat die Farbbänder aus den Scheiben Maschinen genommen.

00:01:27: Hat wirklich versucht jedes bisschen vom diesen Roman wegzusperren.

00:01:33: Für Vasili Großmann war das ein ganz großer Schlag.

00:01:35: damit hat er nie gerechnet.

00:01:37: Er ist danach auch Gestorben an Krebs hat also die Veröffentlichung seines Buches nie gesehen.

00:01:43: Dieser Roman ist allerdings veröffentlicht, sonst könnten wir ihn nicht auf die Bühne bringen.

00:01:48: In den siebziger Jahren ein Manuskript hatte wohl überlebt wurde es unter spektakulären Umständen wirklich aus der Sowjetunion dann ins Ausland geschmuggelt und wurde da veröffentlich.

00:01:59: Und warum ist dieses Buch nun so brisant gewesen?

00:02:04: Naja Großbahn erzählt in diesem Buch Wahrscheinlich von nicht weniger als von Menschlichkeit.

00:02:10: Er folgt der unzähligen Schicksalen in Stalingrad, Moskau im faschistischen Lager im Gulag und fragt immer wieder was vor Menschen bleibt in einer Zeit?

00:02:19: In der das individuelle, das natürliche, das menschliche selbst in den totalitären Systemen des Faschismus und des Stalinismus zum Fein wird.

00:02:31: Das schreibt er quasi so Naber Und so echt, dass in der Sowjetunion, in der damals sogar verboten war von... Also es war sowieso schon verboten überhaupt vom deutschen KZ zu schreiben.

00:02:45: Denn allein das Bestehen von deutschen Kz hätte schon darauf schließen lassen können, dass es auch Lager gab und solche Wahrheiten sollten auf gar keinen Fall ans Licht kommen.

00:02:56: Da war die Zensur immer hart dabei Und dieses Buch schreibt nun wirklich nichts weiter als die Wahrheit.

00:03:04: Das in einem riesigen Personenkanon und einer Vielzahl von Orten, wo eine vielzahl von Personen vorkommt, da kommt auch eine Vielzahl Rollen vor.

00:03:15: So spielt ihr beide Marauni mehr als nur eine Rolle.

00:03:21: Wer ist das denn?

00:03:22: Wen verkörpert ihr den Wind?

00:03:24: Als welche Person können wir euch an diesem Abend sehen!

00:03:28: Ich spiele die Zivilistin Maria Ivanovna Sokolov, die Scharfschützin Bulatova den Institutsdirektor Shishakov und eine Rotarmistin.

00:03:41: Und bei dir Ghi?

00:03:42: Ich habe nur zwei!

00:03:43: Ich spiel den Politkommissar Nikolaj Grigoryowicz-Krimoff und Obersturmbannführer Liz.

00:03:54: Mariam gehört ja... finde ich zu den Figuren, bei denen irgendwie auch spürbar wird wie sehr Krieg und Staat auch ins Persönliche reinreichen.

00:04:06: Diese privaten Gruppen die Gesprächsgruppen usw.

00:04:10: Was würdest du sagen was macht das für dich oder für deine Figur aus?

00:04:14: Ich denke dass diese eine Welt gibt oder dass das so ein bisschen angedacht ist, also diese Welt gibt dieser Strums und diesen Wissenschaftlern bei denen sie dann immer wieder zu Hause sind und diese Gespräche führen.

00:04:27: Und das sind eine Art von Identifikationsgruppen eigentlich mit denen man sich am ehesten noch identifizieren kann auch wenn man nie in so einer Kriegssituation oder in solchen Umständen war weil es alles sehr menschlich ist was da passiert.

00:04:42: Das finde ich irgendwie ganz spannend dass kein Schützengraben-Drama und nur Härte ist, sondern im Gegenteil da sehr viel Feines und Menschliches irgendwie passiert.

00:04:59: Diese Maria in unserem Fall jetzt sehr jung besetzt die ist im Buch ein bisschen älter sie hat noch ein bisschen mehr erfahren.

00:05:07: das finde ich aber gar nicht so unspannend weil trägt für ihr junges Alter einen richtigen, ziemlich heftigen Rucksack.

00:05:15: Weil ihr Mann in diese scharfen Verhöhre geholt wurde und auch in einer Nervenklinik gelandet ist und sie da zu Hause stetig diesen sehr angst erfüllten Mann hat den sie da irgendwie ein bisschen tragen muss.

00:05:31: Wir befinden uns in der Sowjetunion und die Struhms, also Wikt der Struhm.

00:05:37: Und die Sokodovs, die guten Freunde der Familie treffen sich eben im totalitären Staat im Stalinismus regelmäßig zu diesen eigentlich verbotenen Gesprächsrunden, in denen sie eigentlich quasi freies Gedanken gut fliegen lassen.

00:05:51: Da wirst du recht haben.

00:05:52: Das ist glaube ich was bei Großmann so gut funktioniert quasi es schafft eigentlich diese Kriegskonsequenz bis ins letzte zu beschreiben, wie sie in die Privaträume, in die organisierten Räume eingreift.

00:06:07: Ich meine mit Krieg sind auch deine Rollen eng verbandelt Ghi als Obersturmbandführer Liz als SS-Mitglied und als Krimov, als Politkommissar eigentlich aus... naja ich nehme die mal ein bisschen wahr.

00:06:24: Ein Spiegelbild ist vielleicht zu weit gegriffen, aber schon als zwei Seiten der Macht.

00:06:28: Also zwei Positionen in zwei sich gegenüberstehenden Systemen die aber ja ein hohen militärischen Position eigentlich sind und da sind auch zur Überprüfung.

00:06:40: Macht das für dich was in der Bearbeitung der Rollen?

00:06:42: Dass es gibt dafür dich eine Verbindung zwischen den beiden?

00:06:46: Ja

00:06:46: auf jeden Fall... In dem Sinne dass sie beide sehr wie ich sagen, überzeugt sind von... dass sie an der... Wie sagt man?

00:07:01: An der... Auf der

00:07:02: guten Seite.

00:07:03: Auf

00:07:03: der guten Seite!

00:07:05: Sind.

00:07:06: Dass die beide davon sehr überzeugt ist.

00:07:08: Liz hat ein Gespräch mit einem Gefangenen wo er das eigentlich auch echt behauptet.

00:07:16: Der sagt wir sind verschiedene Erscheinungsformen eine und derselben Sache.

00:07:22: Des Nationalismus.

00:07:23: Ja Das sagt er aber zu einem Gefangenden.

00:07:26: Aber Krimov ist ja ... Der ist kein Kriegskommissar mehr, der ist nur Politkommissarin.

00:07:34: Genau!

00:07:35: Er wurde von Posten abgesetzt.

00:07:37: Als alter Revolutionär ist jetzt auf einmal für Papiersachen zuständig und die Überprüfung der Parteilinie nicht mehr als den aktiven Kriegsdienst.

00:07:47: Das ist natürlich eine Beleidigung erst

00:07:49: mal.

00:07:49: Total beleidigend, das war abgesetzt worden.

00:07:52: Und ja, endet auch.

00:07:55: Geht noch viel weiter wird nur abgesetzt und abgesetzt und abgesetzt kommt in seine eigene Wie sagt man?

00:08:05: In die Mühle des eigenen Systems.

00:08:07: Ja eigentlich ja.

00:08:09: Ich habe mal eine Frage an euch beide eigentlich Und zwar Großmann interessiert sich ja eigentlich immer oder es zieht sich so durch die Menschlichkeit, wie sich irgendwie in der noch so unwirklichen und individuellen gegen dieser totalitären Systeme, wo man sich quasi dem Privat im Kollektiv opfern muss oder Nationalsozialismus.

00:08:42: eigentlich alles andersartige, so eine rassistische Idee unter Gott.

00:08:45: Da findet er trotzdem in den Vernichtungslagern im Gulag, in Stalingrad-Schützengräben immer das menschliche.

00:08:53: Er ist für immer auf der Suche nach dem letzten Stück Menschlichkeit oder was es ausmacht.

00:08:58: Gibt es in euren Figuren Momente, in denen das auftaucht?

00:09:03: Definitiv!

00:09:04: Dadurch dass das jetzt bei mir sehr viel unterschiedliche Rollen sind... Taucht das natürlich in unterschiedlichen Momenten auf.

00:09:13: Ich finde am spannendsten eigentlich bei der Schafschützin, weil jetzt so klassisch gesehen dieser Beruf etwas ist wo man überhaupt keine emotionalen Einfluss zulassen dürfte eigentlich und die aber so geschrieben ist dass das aus einem schrecklichen Trauma heraus nämlich dass sie ihren Sohn verloren hat, dass er ermordet wurde beschließt Schaffschützen zu werden und da eigentlich aus Rache diesen Beruf sehr, sehr gut macht.

00:09:42: Und das zu zeigen ist sehr untypisch.

00:09:45: und dass es irgendwie ein anderer Ansatz, den ich interessant finde, dass man mal sagt versucht man zu verstehen wieso jemand so einen krassen Beruf macht?

00:09:58: Ja also was die Großmannschaft ist irgendwie unfassbar in all diesen... Also in diesem wahnsinnig großen Personenkatalog irgendwie jede Person wirklich lebendig zu beschreiben.

00:10:09: Johan

00:10:09: hat doch letztens auch so einen sehr spannenden Satz gesagt, er hat irgendwie gesagt es gibt ein paar Rollen mit denen kann man sich identifizieren und dann gibt's die anderen Rollen da kann man nur mit den Ideologien.

00:10:18: Genau diese Systeme.

00:10:20: Und das trifft glaube ich ziemlich

00:10:22: zu.

00:10:22: Das glaube ich auch ja also menschlich würde ich Nichts sagen.

00:10:28: Naja, es wird vielleicht... Krimovitz vielleicht am Ende könnte man denken weil er so in sein eigenes aber auch da hält er sich fest an Ideologien.

00:10:37: Ja und ich finde sogar bei Liz wird der nicht nur als brutaler als brutale Tötungsmaschine sondern eigentlich als Mensch Der sich naja für Kunst wie Philosophie also der denkt Und sich aber irgendwie etwas baut Um zu rechtfertigen, also ist natürlich schrecklich.

00:10:56: Was

00:10:57: viel gefährlicher

00:11:00: sein kann.

00:11:00: Aber irgendwie trotzdem das Gefühl vielleicht auch was menschliches.

00:11:02: Also wisst ihr was ich meine?

00:11:06: Aber halt nicht das Schöne-Menschliche.

00:11:07: Nee, das eben

00:11:10: ja.

00:11:10: Aber vielleicht gilt es die Seite auch zu betrachten.

00:11:14: Ja genau, wo was glaube ich heutzutage eigentlich sehr viel da ist... Es wäre so einfach zu denken, also es ist einfach ein Schuft oder was auch immer.

00:11:26: Genau!

00:11:27: Dann ist das fertig und dann kann man sagen... ...das ist ja die Seite der Menschen, die wir eigentlich nicht menschlich nennen.

00:11:35: Genau.

00:11:36: So lässt sich leicht simplifiziert und leider sind die Situationen meistens komplizierter.

00:11:43: Ja,

00:11:44: ja.

00:11:45: Und so kommen wir von einem Pluralismus in den anderen.

00:11:49: nämlich Das Buch steht hier auch nicht allein auf der Bühne.

00:11:54: Johann Siemens verbindet nämlich Grossmanns Werk mit Schostakowitsch, zehnter Symphonie.

00:12:01: Das ist die Symphonies, die Schostakovich direkt nach Stadins Tod schrieb, neunzehn dreinfünfzig davon geht man aus.

00:12:09: und wie Rosmans Roman stellt auch diese Symphonien die Frage ja was aus den Menschen wird wenn macht bis in das Innerste seines Lebens reicht.

00:12:20: Also wo Großmann dies in Figuren, in den Familien, in Konflikten zeigt antwortet Schostakowitsch eben in musikalischer Form mit musikalisch bedrohung und aufbäumen rückzug Erinnerungen Und einer verletzlichen behauptung.

00:12:36: des einen könnte man sagen und so stehen Leben und schicksal die zehnte symphonie nicht nur historisch nebeneinander.

00:12:45: Forschung streitet man ein bisschen.

00:12:47: Es gibt da die Behauptungen, dass Schostokowisch gesagt hätte, dass diese Symphonie auch wirklich zumindest der eine Satz der der Symphonien wirklich Stalin porträtieren soll.

00:12:58: Da ist man sich nicht sicher heutzutage klar ist.

00:13:02: Diese Zeit hat da reingespielt.

00:13:04: er hat seinen eigenen Namen als Notation mit in die Symphonies geschrieben als auch den Namen seiner Immerlingen Schülerinnen, in die er wohl Sehr verliebt gewesen ist zu der Zeit auch, also auch da die Spannung zwischen dem politischen und den persönlichen in die Symphonie eingeschrieben.

00:13:23: Und so stehen sie wie gesagt nicht nur historisch leben dann da sondern beide Werke kreisen um das Leben unter Stalin.

00:13:31: Um Angst, um Anpassungen und die Möglichkeit innerer Freiheit.

00:13:36: und beide bestehen darauf dass Geschichte eben nicht nur aus Fronten Befehlen und Ideologien bestehen sondern auch aus dem was Menschen ausmacht.

00:13:47: Was Menschen trotz allem empfinden, was sie erinnern wie sie einander bewahren.

00:13:52: und so haben wir eben ab diesem Abend auch eine ein kleines Kammerorchester auf der Bühne die eben die Symphonie und diese Inszenierung miteinander verwebt.

00:14:05: ich glaube wir können uns darauf einen ganz tollen Abend freuen.

00:14:11: Vielen Dank euch beiden.

00:14:13: Wir gehen jetzt zurück auf die Bühne zum Proben.

00:14:23: Und dann alle, die hier zuhören!

00:14:25: Wir sehen uns hoffentlich dann frühestens am fünfundzwanzigsten.

00:14:28: vierten.

00:14:32: Ja wir sind gespannt.

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